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Rezensionen

Jürgen Kross: Zwiesprachen

Gedichte zwischen Sprachskepsis und Formstrenge

Rezension von Stefan Ringel

Bibliographische Angaben

  • Autor: Jürgen Kross
  • Titel: Zwiesprachen. Gedichte
  • Verlag: Brandes & Apsel, Frankfurt/Main 2000
  • Umfang: 96 Seiten
  • ISBN: 3-86099-477-8

Lyrik in der Gegenwart

"Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide" - so schrieb einst Göthe und meinte damit insbesondere seine Lyrik. Seither ist der Leser gewohnt, von Lyrik Bekenntnisse des Intimsten, Ausdruck des Unsagbaren zu erwarten. Die Einwände eines Gottfried Benn, dass Lyrik eine mühsame Arbeit mit Worten und ihren Bedeutungen sei, fanden dagegen nur geringen Widerhall.

Moderne Lyrik hat es schwer: Ihre Auflagen sind gering, ihre Resonanz dementsprechend bescheiden. Will ein Schriftsteller seinen Verleger erschrecken, so kündigt er ihm an, sein nächstes Buch werde eine Gedichtsammlung sein. Dies gilt auch für Autoren wie Durs Grünbein oder Sarah Kirsch. Trotz aller Förderung, trotz allen Lobs sind sie Geheimtipps geblieben. Warum schreibt man also noch Gedichte, fragte sich deshalb schon Hilde Domin. Ihre Antwort - weil sie gelesen werden - vermag angesichts der geringen Auflagenhöhe nicht recht zu überzeugen. Ist die Antwort vielleicht simpler: weil sie geschrieben werden? Weil nach wie vor das Bedürfnis besteht, sich in dieser Weise auszudrücken?

Misstraün gegenüber der Sprache

Der Verbrauch an Worten in unserer Gegenwart ist exorbitant. Überall wird man mit Bekenntnissen konfrontiert. Nichts bleibt ungesagt - über alles wird unendlich viel geschwätzt. Dabei gewinnt man rasch den Eindruck, dass die Fülle an Worten nur kompensieren soll, dass das Unsagbare weiterhin ungesagt bleibt. Moderne Lyrik ist nicht zuletzt eine Reaktion auf diese Erfahrung. Ihr wohnt ein Misstraün gegenüber der Sprache und ihren Ausdrucksmöglichkeiten inne. Dies gilt auch und insbesondere für die Lyrik von Jürgen Kross.

Der Mainzer Schriftsteller und Buchhändler Jürgen Kross - geboren 1937 in Schlesien - hat in den letzten 25 Jahren fünfzehn Gedichtbände vorgelegt. Kross misstraut der Sprache, nicht den einzelnen Worten zwar, wohl aber den Sätzen. Er misstraut dem Glauben, dass alles schön abgerundet, wohl geordnet und eloquent zur Sprache gebracht werden kann. In seinen Gedichten setzen sich satzähnliche Gebilde über Punkte und Zeilenenden hinweg aus verstreuten Bruchstücken zusammen.

Wiederkehrende Bilder

Aus diesen Bruchstücken ragen einzelne Worte und Bilder heraus. Immer wiederkehrend ist der Wald mit seinen Bäumen, ist Licht und Schatten, Sonne und Dunkelheit, Wasser und Schnee. Überhaupt dominieren Naturbilder, die den ewigen Wechsel alles Seienden ahnen lassen. In sie verwoben sind die Themen Leben und Tod, die alle Gedichte von Kross durchziehen. Aus der stetigen Wiederholung der Bilder erwächst die innere Einheit des Werkes, das unablässig von existenzieller Not kündet und dessen Grundton Melancholie ist.

Form und Inhalt

Gleichzeitig tragen die Gedichte äußerlich - in ihrer Form - die deutlichen Zeichen der Selbstbehauptung. Die gesamte Lyrik von Jürgen Kross gehorcht zwei Strophenmodellen, die sich spiegelbildlich zueinander verhalten. Eine Strophe besteht bei ihm aus drei Zeilen. Entweder ist die erste und die dritte Zeile länger gehalten und umrahmen ein einzelnes Wort in der zweiten; oder ein einzelnes Wort bildet die erste und die dritte Zeile, während die zweite eine längere aus mehreren Worten ist. Mit dieser Formstrenge kämpft Kross gegen den Verlust des Ichs an, der sich in der Sprache und im Inhalt niederschlägt.

Form und Inhalt geraten aus diesem Grund in ein dialektisches Verhältnis zueinander. Was das eine negiert, wird vom anderen statuiert. Deshalb lassen sich die Gedichte von Jürgen Kross auch nicht auf einen Punkt bringen, auf eine Sinnaussage fixieren. Sie müssen und wollen vielmehr in ihrer Rätselhaftigkeit akzeptiert werden.

Fazit

Zweifellos ist diese Lyrik nicht leicht zu konsumieren, aber das will sie auch gar nicht sein. Eine solche Lyrik öffnet sich nicht einladend ihrem Leser, sondern sie will entdeckt werden. Sie ähnelt melancholischen Vexierbildern, in die man sich hineinversenken muss, will man erkennen. Insofern ist Jürgen Kross' Gedichtsammlung "Zwiesprachen" in vielerlei Hinsicht eine Entdeckung.

Rezension: Stefan Ringel