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Rezension

Die Crux mit dem Glück

Francois Lelords "Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück"

Von Friderike Beyer

Buchdetails

  • Autor: Francois Lelord
  • Titel: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück
  • Übersetzer: Ralf Pannowitsch
  • Verlag: Piper
  • Seiten: 192

Das Kindchenschema der Literatur

Das Ungefällige an der postmodernen Kunst und Literatur besteht darin, dass alles schon einmal dagewesen zu sein scheint. Auf Schritt und Tritt begegnen uns in Galerien, Theatern und Buchhandlungen Gegenstände und Geschichten, die uns aus früheren Epochen vertraut sind.

Sinn stiftende Märchen, erbaünde Entwicklungsromane, parabolische Reiseberichte. All das kennen wir schon, und ihr belehrender Charakter lässt uns derlei literarische Erzeugnisse bisweilen mit einem kaum verhohlenen Gähnen beiseite legen.

Es sei denn, dem Autor gelingt es, seinen Gegenstand mit solch rührender Naivität vorzutragen, dass der Leser dem Kindchenschema unterliegt. Die Wahrhaftigkeit und mithin melancholische Poesie, die den Aussagen eines kleinen Prinzen beispielsweise innewohnen, entzücken und überzeugen.

Ein Psychiater auf der Suche

Francois Lelord, Jahrgang 1953, ist Psychologe und hatte sich bereits mit Ratgebern zu Personal- und Lebensberatung einen Namen gemacht, bevor er es mit der Erzählung von Hectors Reise 2002 in die franzoesischen Bestsellerlisten schaffte.

Zur Reise kommt es, als der Psychiater Hector feststellen muss, dass einige seiner Klienten einfach nicht glücklich sein können, obschon sie alle Voraussetzungen dazu hätten. An seinen beruflichen Fähigkeiten zweifelnd, beschliesst er sich fortzubilden, indem er aus der ganzen Welt Ursachen von Glück und Unglück zusammenträgt.

23 Lektionen zum Thema Glück

Während seiner Reise besucht Hector alte Freunde und ehemalige Lebensgefährtinnen, begegnet einem Mönch, einem Glückswissenschaftler und mehreren Banditen, macht die Bekanntschaft von Armen und Kranken, und verlieben tut er sich auch.

In jedem Moment stellt er sich und anderen die Frage, was Glück und Unglück ausmache, und notiert insgesamt 23 Lektionen zum Thema Glück. Hectors erste Lektion ist hinsichtlich Inhalt und Formulierung exemplarisch für das gesamte Buch: Vergleiche anzustellen ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen.

Denn es sind die Einfachheit des Offenkundigen und der frische, lakonische Ton, die dieses Buch so bestechend machen. Dabei wird der Leser in die Erzählung hineingezogen, da erst er, indem er die vielen Aussparungen füllt, den kindlichen und sympathischen Charakter des Protagonisten erschliesst.

Eine alte Geschichte neu erzählt

So gelingt es Lelord, eine alte Geschichte mit Hilfe einer vermeintlich naiven Perspektive neu zu erzählen: Einer sucht das Glück und begreift, dass er es schon längst hat. Der Appell hingegen bleibt der alte, vom ersten Absatz an sieht man den mahnenden Zeigefinger im Hintergrund.

Insgesamt bereitet Lelords Buch zweifellos grosses Lesevergnügen. Eigentlich ist nur eines wirklich bedaürlich: Wenn es unter den gebildeten und potentiell gut verdienenden Bewohnern der entwickelten Industriestaaten immer noch welche gibt, die nicht wissen, wie gut es ihnen geht, dann ist das traurig.

Doch diese Menschen werden sich, genauso wenig wie Hectors Klienten durch dessen Beratung, durch Lelords Buch eines Besseren belehren lassen. Die anderen sind hoffentlich schon vor Hectors Reise glücklich gewesen.