Einhornschaedel und alte Träume
Haruki Murakamis "Hard-Boiled Wonderland and the End of the World"
Bibliographische Angaben
- Autor: Haruki Murakami
- Titel: Hard-Boiled Wonderland and the End of the World
- Übersetzer: Alfred Birnbaum (aus dem Japanischen)
- Verlag: Vintage International (Random House), New York
- Jahr: 1993 (Paperback-Ausgabe)
- Seiten: 416
- Preis: US-Dollar 14,95
Deutsche Ausgabe: "Hard Boiled Wonderland und das Ende der Welt", Dumont Literatur und Kunst Verlag
Zwischen zwei Welten
Gefangen zwischen der "Realität" eines futuristisch angehauchten modernen Tokyo, in dem gerade ein Datenkrieg tobt, und einer surrealistischen, märchenhaften Traumwelt, die es nicht erlaubt, den eigenen Schatten mit sich zu führen - in dieser Lage befindet sich der Protagonist aus Murakamis Roman. Doch in welcher Welt wird er überleben?
Ohne zu wissen, wohin er geleitet wird, findet sich der Held zu Beginn in einem Fahrstuhl wieder, der sich nur unmerklich bewegt und langsam sein Misstraün erweckt. Erst allmählich erfährt er, dass er zwischen die Fronten eines tobenden Datenkrieges zweier Organisationen geraten ist: dem "System", welches Daten beschützt, und der "Factory", die versucht, diese zu stehlen und auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.
Der Calcutec und die Black-Box im Kopf
Als "Calcutec", ein Mitarbeiter des Systems, hat der Protagonist eine Art Black-Box ins Gehirn implantiert bekommen, die es ihm ermöglicht, Daten mithilfe seines Unterbewusstseins zu verschlüsseln, ohne den Inhalt zu erfahren. Als leicht chaotisch anmutender verwestlichter Japaner, der gerne Whisky trinkt und Rock'n'Roll hört, versucht er Stück für Stück dem Rätsel seiner eigenen Existenz auf die Spur zu kommen.
Bei einem genialen Wissenschaftler, der weit unter der Erde sein geheimes Labor führt und ihn vor düsterenen Kreaturen des Untergrunds warnt, bekommt er ein mysterioeses Geschenk überreicht. Nach zahlreichen Nachforschungen, bei denen er auch eine Bibliothekarin kennenlernt, entpuppt sich dieses als der Schädel eines Einhorns.
Das Ende der Welt
Parallel zu dieser spannenden Geschichte im modernen Tokyo beinhaltet der Roman einen weiteren Handlungsstrang über eine märchenhafte Traumwelt. Angekommen in einer mysterioesen Stadt namens "The End of the World", die von einer hohen, unüberwindbaren Maür umgeben ist, bekommt das Alter Ego des Protagonisten, seines Schattens beraubt, den Beruf des Traumlesers zugewiesen.
Während er Nacht für Nacht zusammen mit einer jungen Bibliothekarin alte Träume aus Einhornschaedeln liest, versucht er in seiner restlichen Zeit die Rätsel dieser von Einhörnern und seelenlosen Menschen bevölkerten Stadt zu erforschen, um eine Flucht vorzubereiten. Doch langsam scheint auch er seine Seele und seine Erinnerungen zu verlieren.
Virtuose Erzähltechnik
Sehr geschickt hat der japanische Kultautor es verstanden, zwei spannende, völlig verschiedene Geschichten zu verbinden und dieses fabelhafte, verrückte und doch sehr poetische Werk zu schaffen. Jeweils ein Kapitel aus der einen sowie eines aus der anderen Welt erzählend, nähern sich die beiden Geschichten einander an.
Wie auch der Protagonist in der einen und sein Alter Ego in der anderen Welt, schafft es Murakami, den Leser rätseln zu lassen, wie alles zusammengehört. Viele verschiedene Motive lassen sich in beiden Geschichten festmachen, die beide miteinander verbinden. Dabei ist es bemerkenswert, dass der Roman ganz ohne Eigennamen der Charaktere auskommt - sie werden einfach nur als "der Professor" oder "das dicke Mädchen" bezeichnet, obwohl sie in vielschichtiger Tiefe behandelt werden.
Kafka und Dostojewski als Vorbilder
Murakamis Vorlieben für Franz Kafka und Fjodor Dostojewski spiegeln sich auch in diesem Roman an seiner expressionistischen und existenzialistischen Grundthematik. Die Konfrontation des Protagonisten mit seiner eigenen Existenz steht im Mittelpunkt. Er findet sich mehr oder weniger plötzlich in einer Situation wieder, die als gegeben angenommen wird, und muss selbst versuchen, mit ihr fertigzuwerden. Der Mensch ist sozusagen zur Freiheit verurteilt.
Fazit
Dieser Roman eignet sich für alle, die fesselnde, actionreiche und doch zugleich ruhige poetische Romane schätzen, die in eine vielschichtige, philosophische Tiefe gehen. Ein anspruchsvoll zu lesendes, jedoch lohnenswertes Werk, das die Grenzen zwischen Realität und Traum, zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein erkundet.