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Wissenschaftlicher Aufsatz

Der Dichter und sein Kellner

Thomas Hürlimanns Novelle "Dämmerschoppen"

Von Dietmar Jacobsen

Ein humoriges Verwechslungsspiel

Hürlimanns Text greift auf die Episode zurück, dass der Dichter Gottfried Keller, um den Feierlichkeiten zu seinem siebzigsten Geburtstag am 19. Juli 1889 zu entgehen, unter falschem Namen Quartier in einem Nobelhotel auf dem Seelisberg bezog. Hoch über dem Vierwaldstätter See sieht man ihn zu Beginn sitzen, eine Flasche Gumpoldskirchner trinkend.

Allein die innere Ruhe hält nicht lange. Die im Hotel versammelte Gesellschaft erfährt von der Anwesenheit des Autors. In hektischer Eilfertigkeit wird ein festlicher Empfang vorbereitet. Man will den angenehm Überraschten auf die Terrasse führen, damit er die Feür schaue, die die Heimat zu seinen Ehren entzündet hat.

Damit ist die Ausgangslage skizziert. Der bereits auf der Hotelterrasse sitzende, aber unerkannt bleibende Keller droht zum Hindernis für eine nationale Demonstration zu werden. Um den Ort der geplanten Ehrung zu räumen, schickt die Direktion den Kellner Wendelin Lymbacher hinaus.

Die Figur des Kellners

Lymbacher steht als literarische Figur in der Tradition von Thomas Manns Kellner Mager aus dem Weimarer Gasthof Zum Elephanten. Diese Tradition verpflichtet zu Belesenheit und verfeinerten Umgangsformen, aber auch dazu, die Dinge mehr zu zerreden als zu durchschaün.

Sein Herunterspielen der Bedeutung des Dichters gegenüber einem Fremden, den er zunächst für einen Landschaftsmaler hält, verfängt nicht. Des Kellners hämisches Zitieren von Kellers Abendlied löst in dem Sitzenden eine Reihe von Gedanken aus, die ihn melancholisch stimmen.

Worauf Wendelin Lymbacher mit den Nerven zugleich die Manieren verliert und den starrkoepfigen Okkupanten kurzerhand mit der Flasche ins Haus zu locken sucht. Doch als er im Zurückschaün plötzlich erkennt, dass dieser der gesuchte Dichter ist, ändert sich seine Haltung abrupt. Devot nimmt er alle Freisinnigkeiten zurück.

Klassische Strenge der Komposition

Was an der Novelle sofort auffällt, ist die nahezu klassische Strenge und Geschlossenheit ihrer Komposition. Der Text ist in fünf Abschnitte unterteilt und bietet das Geschehen aus den alternierenden Innenperspektiven seiner beiden Hauptfiguren im Wechsel von erlebter Rede und innerem Monolog.

Das Interesse wird darauf konzentriert, wie eine Gesellschaft, die sich zur Legitimation der Kunst bedient, mit einem literarischen Repräsentanten umgeht unter den wechselnden Voraussetzungen, dass er erkannt oder nicht erkannt wird.

Zur Verdichtung des Textganzen benutzt Hürlimann eine Technik der Wiederholung. Jeder Folgeabschnitt nimmt Bezug auf einen Gedanken des vorhergehenden Erzählparts. Die erzählte Zeit wird angehalten oder zurückgespult, damit sich die übernehmende Figur einschalten kann.

Idyllische Vergegenwärtigung

Bei der Einbeziehung der Oertlichkeit durchbricht der Text sein Grundprinzip des selektiven Umgangs mit Informationen nicht. Wenn der Text die Landschaft evoziert, tut er es nie aus Gründen einer kräftigeren Kolorierung, sondern bezieht seine Aussensicht auf den jeweiligen Seelenzustand der Figuren.

Die plakative Friedlichkeit eines Orts von einst eminenter politisch-nationaler Bedeutung lässt den scheinbaren Glücksmoment Kellers als Irrtum erscheinen. Über einer Rütliwiese wie aus dem Märchenbuch thronend, ahnt man, wird es für den Dichter schnell vorbei sein mit der herbeigewuenschten Ruhe.

Menschlich-existentielle Grenzsituationen

Wieder geht es Hürlimann um das Ausloten menschlicher Grund- und Grenzsituationen. Er wendet sich mit Kellers vergeblichem Kampf gegen die Schwermut der Frage zu, was am Ende eines Lebens bleibt von den hochgemuten Erwartungen, mit denen man einst angetreten ist.

Das Resuemee ist ernüchternd. In seinen Büchern habe er gelebt, habe er geliebt, heisst es. Allein auch dieser Trost will nicht helfen angesichts einer Daseinsbilanz, die alles Gewesene unter dem Schlagwort der Verkehrtheit verbucht.

Wohltünd ist es für Keller, in Wendelin Lymbacher auf einen Geist zu stossen, der sich die Eigenständigkeit seiner Meinung bewahrt zu haben scheint. Die Kehrtwendung des Kellners, kaum dass er weiss, wen er vor sich hat, ernüchtert den Schriftsteller schnell.

Verfall des bürgerlichen Wertesystems

Über die individülle Problematik hinaus spiegelt die Novelle den Verfall des bürgerlich-demokratischen Wertesystems, für das der Achtundvierziger Keller steht. Der Niedergang von Idealen, Traditionen und Visionen, die den nachwachsenden Generationen wenig bedeuten, wird sichtbar.

Der Text endet mit einer surreal anmutenden Szene. Mitten heraus aus der zu Hurra-Rufen angetretenen Gesellschaft fliegen Keller und Lymbacher in die Nacht, der Dichter und sein Kellner, der jetzt ein Vogel war, der grosse Vogel Schwermut. Ein knappes Jahr später, vier Tage vor dem nächsten Geburtstag, ist Keller in Zürich gestorben.