Mentalitätsgeschichte und Kulturanthropologie
Die Macht des Vorbewussten in der Literaturanalyse
Trivialliteratur als historische Qülle
In der literaturwissenschaftlichen Forschung hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass gerade die sogenannte Trivialliteratur besondere Aufschlüsse über gesellschaftliche Verhältnisse geben kann. Der Romanist Hans-Jörg Neuschäfer wies der populären Literatur ein geradezu seismographisches Gespür für sozialhistorische und psychologische Gegebenheiten zu.
Diese Einschätzung beruht auf der Beobachtung, dass Popularliteratur elementar daran interessiert ist, die weltanschaulichen Haltungen und mentalen Befindlichkeiten ihrer Leserschaft zu reproduzieren. Um kommerziellen Erfolg zu erzielen, muss sie die kollektiven Stimmungen ihrer Zeit aufgreifen und widerspiegeln. Damit stellt sie einen wertvollen Informationsfundus für die mentalitätsgeschichtliche Forschung bereit.
Begriff und Wesen der Mentalität
Der Mentalitätsbegriff kennzeichnet sich durch eine charakteristische Begrifflichkeit: unwillkürlich, selbstverständlich, unreflektiert, unmittelbar und beständig. Diese Vokabeln verdeutlichen, dass es um die affektiven Dispositionen einer Gesellschaft geht, um die unterschwellige Wirksamkeit emotional-impulsiver und psychisch-soziokultureller Strukturen.
Mentalitäten bezeichnen sowohl eine Haltung als auch einen Zustand des Geistes von relativer Konstanz. Sie umfassen ein breites Spektrum zwischen bewusstem Denken, beiläuflgem Meinen und wenig reflektiertem Verhalten. Ihre eigentliche Gestalt ist dabei kaum zu fassen, da sie im Vorbewussten angesiedelt sind.
Verhalten und kollektive Einstellungen
Der Historiker Volker Sellin betont den elementaren Zusammenhang von kollektiven Einstellungen und Verhalten. Mentalitäten sind zwar einem ideellen Bereich zugeordnet, gewinnen jedoch unmittelbare Verhaltensbedeutung. Sie fungieren als Verhaltensdispositionen, die sich in konkreten Handlungen manifestieren.
Entscheidend ist dabei weniger das Verhalten als solches, sondern der spezifische Sinn, den der Handelnde seinem Verhalten gibt. Die Handlung dient vordergrundig einem materiellen Zweck, gewinnt darüber hinaus aber eine symbolhafte Bedeutung. Die Verhaltensformen bedeuten zumeist noch etwas anderes, als was sie an sich selbst sind.
Psychische Kategorien und Prozesse
Willem Frijhoff versteht Mentalitätsgeschichte als Geschichte des Einflusses psychischer Kategorien und Prozesse auf individülle und kollektive Verhaltensweisen. Ideen, Gefühle und Vorstellungen wirken auf das Handeln ein, werden aber zugleich von politischen, ökonomischen und sozialen Faktoren beeinflusst.
Die Mentalitätsgeschichte untersucht somit den Interaktionsprozess zwischen der Wissens- und Vorstellungswelt einerseits und den konkreten Verhaltensmustern von Individün und Gruppen andererseits. Diese Wechselwirkung steht im Zentrum des Forschungsinteresses.
Orientierungsfunktion der Mentalität
Erich Schön betont die sozio-kulturelle Orientierungs- und Kontrollfunktion von Mentalitäten. Sie sind ein wesentliches Instrument der Gruppenintegration und als stabilisierender Faktor für das Kollektiv unentbehrlich.
Den Betroffenen ist ihre Mentalität weitgehend selbstverständlich. Sie gilt ihnen als richtig oder natürlich, solange sie die ihres Kollektivs ist. Erst in der Begegnung mit anderen Gruppen oder im historischen Wandel werden Differenzen erfahrbar. Gerade in dieser Konfrontation mit dem Fremden offenbart sich die spannungsgeladene Dimension der Mentalität.
Semiotischer Kulturbegriff nach Geertz
Der amerikanische Kulturanthropologe Clifford Geertz legt einen semiotischen Kulturbegriff zugrunde. Kultur wird dabei als selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe verstanden, in welches die Menschen verstrickt sind. Dieses Bedeutungsgeflecht fungiert als Interpretationsrahmen, innerhalb dessen Menschen ihre Erfahrungen ordnen und ihr Handeln ausrichten.
Geertz versteht menschliches Verhalten als symbolisches Handeln. Es geht nicht um den ontologischen Status des Verhaltens, sondern um seine Bedeutung. Die entscheidende Frage lautet: Was wird mit Handlungen und durch sie gesagt?
Interdisziplinarität und Fremdheitserfahrung
Die Einbeziehung kulturanthropologischer Perspektiven ergibt sich aus einer gemeinsamen Intention: der verstehenden Überwindung von Fremdheit. Der Mentalitätshistoriker nähert sich Lebensäußerungen früherer Epochen, der Ethnologe fremden Kulturen. Beide streben ein empathisches Verstehen an.
In dieser Interdisziplinarität liegt die Chance, sich einem so komplexen Gegenstand wie den Mentalitäten angemessen zu nähern. Es geht nicht um die Verschmelzung von Disziplinen, sondern um Zweckbündnisse zugunsten einer vielschichtigen Interpretation. Die Disziplinen behalten ihre spezifischen Konturen, ergänzen sich aber gegenseitig.
Literarische Zeugnisse als Qüllen
Früh wurde auf die Besonderheit literarischer Texte als historisch-mentale Qülle aufmerksam gemacht. Jacqüs Le Goff wies jedoch auf die Problematik hin, dass künstlerischen Werken oft eine emanzipatorische Originalität eigen ist. Die vermittelten Themen waren nicht immer die des epochalen Kontextes.
Dennoch kann der scheinbar mentalitätsenthobene Text auf allgemeingueltige Sinnstrukturen zurückverweisen. Literatur fungiert als Kontrastmittel zu den Codes und Diskursen der Daseinswirklichkeit. Gerade im Widerspruch zur Norm wird die Norm selbst sichtbar.