New Historicism
Möglichkeiten literarhistorischen Arbeitens nach Stephen Greenblatt
Literatur als Kunst und Kultur
Die moderne Literaturgeschichtsschreibung oszilliert zwischen zwei Polen der Gegenstandsbestimmung. Einerseits kann Literatur als Kunst verstanden werden, gegenüber der die Literarhistorie den Charakter einer hermeneutischen Hilfswissenschaft annimmt. Andererseits lässt sich Literatur als Kultur begreifen, wodurch die Literaturgeschichte in den weiteren Rahmen allgemeiner Kulturgeschichte tritt.
Dieser Doppelcharakter der Kategorie Literatur - sie ist sowohl Kunstphänomen als auch Kulturzeugin - verbietet einen eindimensionalen Zugriff. Die Literaturgeschichtsschreibung kann sich nicht auf nur einen Aspekt versteifen. Vielmehr geht es um die Rekonstruktion der Kommunikation mit Texten und des intersubjektiven Handlungszusammenhangs, in dem ein Text entsteht und rezipiert wird.
Grundlagen des New Historicism
Der New Historicism, seit den frühen achtziger Jahren vor allem mit dem Namen des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Stephen Greenblatt verbunden, versucht die traditionelle Text-Kontext-Opposition aufzuloesen. Die herkömmliche Sichtweise bezog literarische Äußerungen auf einen starr fixierten historischen Hintergrund. Greenblatt hingegen strebt eine Aufwertung dieses Hintergrundes an.
Durch die Textualisierung des Kontextes wird eine Ebenengleichheit von Text und Kontext erzielt. Dies soll ermöglichen, die sozioökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Praktiken aufzudecken, die sich in literarische Texte eingenistet haben - offen oder verdeckt.
Verhandlungen, Zirkulation, Tausch
Greenblatt fragt nicht nach Abhängigkeiten zwischen Text und Kontext, sondern nach Verhandlungen, Zirkulation und Tausch. Diese Begriffe beschreiben das dynamische Verhältnis zwischen literarischen Texten und kulturellen Praktiken.
Daraus ergibt sich eine völlig modifizierte Fragestellung an Literatur. Es gilt zu entdecken, wie kollektive Überzeugungen und Erfahrungen gestaltet und von einem Medium in ein anderes transportiert wurden. Die Forschung untersucht, wie bestimmte kulturelle Praktiken als Kunstformen abgegrenzt und mit der Macht ausgestattet wurden, Vergnügen zu bereiten, Interesse zu wecken oder Ängste auszuloesen.
Konseqünzen für die Darstellung
Der New Historicism hat spürbare Konseqünzen für die literarhistorische Praxis. Der Linearität traditioneller Literarhistorie wird eine Darstellung entgegengesetzt, die bewusst Momente des Nicht-Systematischen, des Anekdotischen, des Widerspruchlichen und des Diskontinuierlichen hervorhebt.
Vereinheitlichende Erklärungsmodelle werden zugunsten ungeordneter Heterogenität und Pluralität aufgegeben. Die assoziative Montage und die kulturgeschichtliche Momentaufnahme treten an die Stelle der linear organisierten Erzählung.
Interdisziplinarität und Rekontextualisierung
Grundlage dieser neün Literarhistoriographie ist eine radikale Interdisziplinarität. Sie schließt sowohl literarische als auch nicht-literarische, kanonisierte wie stigmatisierte Texte ein. Mittels einer Vernetzung mit anderen gleichzeitig entstandenen Dokumenten werden die literarischen Texte rekontextualisiert.
Durch diese Rekontextualisierung können Bedeutungen zurückgewonnen werden, die durch die selektive Überlieferung verloren gegangen sind. Das literarisch scheinbar Marginale spielt dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die nobilitierten Texte.
Verbindung mit anderen Ansätzen
Das Produktivitäts- und Innovationspotenzial des New Historicism zeigt sich dort, wo er um weitere Perspektiven bereichert wird. Die Verknuepfung mit der Zivilisationstheorie nach Norbert Elias, der Kultursoziologie Pierre Bourdieus und der Mentalitätsgeschichte kann dazu beitragen, anachronistische Rekonstruktionen zu vermeiden.
Die kulturwissenschaftliche Orientierung bedeutet keine Flucht aus der Literaturwissenschaft, sondern ein verändertes Verständnis des Kontextes. Kulturwissenschaft fungiert als pluralistischer Rahmen für eine pluralistische Literaturwissenschaft.
Weiterführende Literatur
- Stephen Greenblatt: Verhandlungen mit Shakespeare. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1993
- Moritz Bassler (Hrsg.): New Historicism. Literaturgeschichte als Poetik der Kultur. Frankfurt/Main: Fischer 1995
- Stephen Greenblatt: Schmutzige Riten. Betrachtungen zwischen Weltbildern. Frankfurt/Main: Fischer 1995