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Literaturpreise

Der Ingeborg-Bachmann-Preis

Der wichtigste deutschsprachige Literaturwettbewerb

Zuletzt aktualisiert: 16.10.2025

Literaturwettbewerb mit Autoren am Mikrofon
Der Bachmann-Preis: Literatur live in Klagenfurt

Auf einen Blick

  • Gegründet: 1977
  • Verleihung: Jährlich Ende Juni/Anfang Juli
  • Ort: Klagenfurt, Österreich
  • Dotierung: 25.000 Euro (Hauptpreis)
  • Veranstalter: ORF Kärnten und Stadt Klagenfurt

Geschichte und Entstehung

Der Ingeborg-Bachmann-Preis wurde 1977 ins Leben gerufen und ist nach der österreichischen Dichterin Ingeborg Bachmann (1926-1973) benannt, die aus Klagenfurt stammte. Die Idee zum Wettbewerb geht auf den damaligen Intendanten des ORF-Landesstudios Kärnten, Humbert Fink, und den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zurück.

Von Beginn an war der Wettbewerb als öffentliches Ereignis konzipiert. Die Lesungen und Diskussionen werden im Fernsehen übertragen, was dem Preis eine ungewoehnliche Sichtbarkeit verleiht. Diese Transparenz macht die "Tage der deutschsprachigen Literatur", wie der Wettbewerb offiziell heisst, zu einem einzigartigen Format im deutschsprachigen Literaturbetrieb.

Der Preis erinnert an Ingeborg Bachmann, die zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts zählt. Ihre Werke wie "Die gestundete Zeit", "Malina" und die Erzählungen aus "Das dreissigste Jahr" haben die deutsche Nachkriegsliteratur nachhaltig geprägt.

Ablauf des Wettbewerbs

Der Wettbewerb findet aljährlich Ende Juni oder Anfang Juli in Klagenfurt statt. Die "Tage der deutschsprachigen Literatur" erstrecken sich über mehrere Tage und folgen einem festgelegten Ablauf.

Vierzehn Autorinnen und Autoren werden von den Mitgliedern der Jury eingeladen, unveröfentlichte Prosatexte von maximal 25 Minuten Lesezeit vorzutragen. Die Texte werden vorab der Jury zugänglich gemacht, bleiben aber bis zum Vortrag der Öffentlichkeit verborgen.

Das Besondere am Bachmann-Wettbewerb ist die öffentliche Diskussion. Nach jeder Lesung äußern sich die Juroren unmittelbar zum gehörten Text. Diese Diskussionen sind oft kontrovers und werden live im Fernsehen übertragen. Sie bieten einen seltenen Einblick in die Kriterien literarischer Bewertung.

Am letzten Tag stimmt die Jury ab. Der Ingeborg-Bachmann-Preis wird an den Text vergeben, der nach Meinung der Mehrheit der Juroren der beste ist. Daneben werden weitere Preise verliehen.

Die Preise

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur werden mehrere Preise vergeben:

  • Ingeborg-Bachmann-Preis: Der Hauptpreis ist mit 25.000 Euro dotiert und wird von der Stadt Klagenfurt gestiftet.
  • Deutschlandfunk-Preis: Dotiert mit 12.500 Euro, gestiftet vom Deutschlandfunk.
  • Kelag-Preis: Dotiert mit 10.000 Euro, gestiftet von der Kärntner Elektrizitäts-AG.
  • 3sat-Preis: Dotiert mit 7.500 Euro, gestiftet vom Fernsehsender 3sat.
  • BKS Bank-Publikumspreis: Dotiert mit 7.000 Euro, ermittelt durch Abstimmung der Zuschaür.

Die Vergabe des Publikumspreises erfolgt unabhängig von der Jury durch Abstimmung der Fernsehzuschaür und Internetnutzer. Dieser Preis spiegelt oft ein anderes Urteil wider als das der professionellen Kritiker.

Die Jury

Die Jury des Bachmann-Preises besteht aus sieben Literaturkritikern, Schriftstellern und Wissenschaftlern. Die Zusammensetzung wechselt im Laufe der Jahre, wobei einzelne Juroren über längere Zeiträume hinweg beteiligt sind.

Prägende Figuren in der Geschichte der Jury waren unter anderem Marcel Reich-Ranicki, der den Wettbewerb mitbegründete und bis 1986 der Jury angehörte, sowie Sigrid Löffler, die von 1991 bis 2009 Jurymitglied war. Die oft hitzigen Diskussionen zwischen den Juroren sind legendär und tragen zur Attraktivität des Wettbewerbs bei.

Jedes Jurymitglied hat das Recht, zwei Autorinnen oder Autoren zum Wettbewerb einzuladen. Diese persönliche Auswahl führt dazu, dass die Jury auch für "ihre" Kandidaten einsteht und die Texte engagiert verteidigt.

Bedeutung für die deutschsprachige Literatur

Der Ingeborg-Bachmann-Preis gilt als der wichtigste Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum. Für junge Autorinnen und Autoren bedeutet die Einladung nach Klagenfurt einen bedeutenden Karriereschritt. Die Fernsehpräsenz und die anschliessende Medienberichterstattung sorgen für Aufmerksamkeit, die sonst Debueautoren selten zuteil wird.

Viele später bedeutende Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben in Klagenfurt ihre ersten grossen Erfolge gefeiert. Der Preis hat Karrieren angestossen und Autoren einem breiten Publikum bekannt gemacht. Die öffentliche Diskussion der Texte hat zudem die Reflexion über literarische Qualitätskriterien gefördert.

Kritiker des Wettbewerbs bemangeln die Inszenierung als "Literatursport" und den Druck, dem die Teilnehmenden ausgesetzt sind. Die öffentliche Bewertung kann, so die Kritik, dem literarischen Prozess nicht gerecht werden. Befürworter betonen hingegen die einzigartige Transparenz und die Möglichkeit, literarische Debatten einem grösseren Publikum zugänglich zu machen.

Alle Preisträger seit 1977

1977-1990

  • 1977: Gert Jonke (Österreich)
  • 1978: Ulrich Plenzdorf (DDR)
  • 1979: Gert Hofmann (Deutschland)
  • 1980: Sten Nadolny (Deutschland)
  • 1981: Urs Jäggi (Schweiz)
  • 1982: Jürgen Becker (Deutschland)
  • 1983: Friederike Roth (Deutschland)
  • 1984: Erica Pedretti (Schweiz)
  • 1985: Hermann Burger (Schweiz)
  • 1986: Katja Lange-Müller (DDR)
  • 1987: Uwe Säger (DDR)
  • 1988: Angela Krauss (DDR)
  • 1989: Wolfgang Hilbig (DDR)
  • 1990: Birgit Vanderbeke (Deutschland)

1991-2005

  • 1991: Emine Sevgi Oezdamar (Deutschland/Türkei)
  • 1992: Alissa Walser (Deutschland)
  • 1993: Kurt Drawert (Deutschland)
  • 1994: Reto Hänny (Schweiz)
  • 1995: Franzobel (Österreich)
  • 1996: Jan Peter Bremer (Deutschland)
  • 1997: Norbert Niemann (Deutschland)
  • 1998: Sibylle Lewitscharoff (Deutschland)
  • 1999: Terézia Mora (Deutschland/Ungarn)
  • 2000: Georg Klein (Deutschland)
  • 2001: Michäl Lentz (Deutschland)
  • 2002: Peter Glaser (Deutschland)
  • 2003: Inka Parei (Deutschland)
  • 2004: Uwe Tellkamp (Deutschland)
  • 2005: Thomas Lang (Deutschland)

2006-heute

  • 2006: Kathrin Passig (Deutschland)
  • 2007: Lutz Seiler (Deutschland)
  • 2008: Tilman Rammstedt (Deutschland)
  • 2009: Clemens J. Setz (Österreich)
  • 2010: Peter Wawerzinek (Deutschland)
  • 2011: Maja Haderlap (Österreich)
  • 2012: Olga Martynova (Deutschland/Russland)
  • 2013: Katja Petrowskaja (Deutschland/Ukraine)
  • 2014: Tex Rubinowitz (Österreich)
  • 2015: Nora Gomringer (Deutschland)
  • 2016: Sharon Dodua Otoo (Deutschland/Grossbritannien)
  • 2017: Ferdinand Schmalz (Österreich)
  • 2018: Tanja Maljartschuk (Österreich/Ukraine)
  • 2019: Birgit Birnbacher (Österreich)
  • 2020: Helga Schubert (Deutschland)
  • 2021: Nava Ebrahimi (Österreich/Iran)
  • 2022: Ana Marwan (Österreich/Slowenien)
  • 2023: Valeria Gordeev (Deutschland)
  • 2024: Tijan Sila (Deutschland)

Besondere Momente in der Geschichte des Preises

Die Geschichte des Bachmann-Preises ist reich an denkwürdigen Momenten. 1983 sorgte Rainald Götz für Aufsehen, als er sich während seiner Lesung mit einer Rasierklinge die Stirn aufritzte - ein provokativer Akt, der die Grenzen zwischen Literatur und Performance auslotete.

Die Diskussionen der Jury führten wiederholt zu Kontroversen. Besonders die Auseinandersetzungen zwischen Marcel Reich-Ranicki und anderen Jurymitgliedern sind legendär. Reich-Ranickis pointierte Urteile und seine Streitlust prägten die frühen Jahre des Wettbewerbs.

Einige Preisträger wurden später mit höchsten literarischen Auszeichnungen geehrt. Sibylle Lewitscharoff (1998) erhielt 2013 den Georg-Büchner-Preis, ebenso Lutz Seiler (2007) im Jahr 2023. Terézia Mora (1999) gewann 2018 den Georg-Büchner-Preis.

Ingeborg Bachmann - Die Namensgeberin

Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Sie studierte Philosophie, promovierte über Martin Heidegger und gehörte zur Gruppe 47. Ihre Gedichtbände "Die gestundete Zeit" (1953) und "Anrufung des Grossen Bären" (1956) machten sie zur führenden Lyrikerin ihrer Generation.

In den sechziger Jahren wandte sie sich der Prosa zu. Der Roman "Malina" (1971) und die Erzählungen "Simultan" (1972) gelten als Höhepunkte ihres Schaffens. Bachmann verstarb am 17. Oktober 1973 in Rom unter tragischen Umständen an den Folgen eines Brandes in ihrer Wohnung.

Ihr Werk kreist um Themen wie Sprache und Sprachkritik, die Stellung der Frau in der Gesellschaft und die Möglichkeiten literarischen Schreibens nach dem Zweiten Weltkrieg. Der nach ihr benannte Preis ehrt ihr Andenken und fördert zugleich die lebendige Gegenwartsliteratur.

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