Marie-Luise-Kaschnitz-Preis
Eine Auszeichnung für herausragende deutschsprachige Literatur
Auf einen Blick
- Stifter: Evangelische Akademie Tutzing
- Erstverleihung: 14. Oktober 1984
- Turnus: Alle zwei Jahre
- Dotierung: 7.500 Euro
- Kriterium: Erzählerisches, lyrisches oder dichterisches Werk
Der Marie-Luise-Kaschnitz-Preis gehört zu den angesehenen Literaturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Seit 1984 vergibt die Evangelische Akademie Tutzing diese Ehrung alle zwei Jahre an Autorinnen und Autoren, deren Werk sich durch besondere künstlerische Qualität auszeichnet.
Die Auszeichnung ist dem Andenken der Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz (1901-1974) gewidmet, die zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts zählt. Geboren in Karlsruhe, schuf sie ein Werk, das Lyrik, Prosa und Essays umfasst und sich durch sprachliche Praezision und gedankliche Tiefe auszeichnet.
Die Namensgeberin: Marie Luise Kaschnitz
Marie Luise Kaschnitz, geboren als Marie Luise von Holzing-Berstett, zählt zu den prägenden Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur. Ihr Werk verbindet klassische Formstrenge mit moderner Reflexion. Besonders ihre Lyrik, in der sie existentielle Fragen mit grosser Sprachkraft gestaltet, hat bleibende Bedeutung.
Die Büchner-Preisträgerin von 1955 setzte sich in ihren Texten mit Themen wie Einsamkeit, Tod und der Suche nach Sinn auseinander. Ihre autobiografisch gefärbten Prosatexte, darunter der Erzählband "Lange Schatten" (1960), zeugen von einer sensiblen Beobachtungsgabe und stilistischer Meisterschaft.
Der nach ihr benannte Preis ehrt Autorinnen und Autoren, die im Sinne Kaschnitz' literarische Qualität mit inhaltlicher Tiefe verbinden.
Bedeutung und Auswahlkriterien
Der Marie-Luise-Kaschnitz-Preis würdigt das Gesamtwerk oder einzelne herausragende Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren. Die Jury legt besonderen Wert auf sprachliche Qualität, thematische Tiefe und künstlerische Eigenständigkeit.
Die Verleihung findet im Rahmen einer literarischen Veranstaltung in der Evangelischen Akademie Tutzing statt, die am Ufer des Starnberger Sees gelegen einen würdigen Rahmen für die Ehrung bietet. Die Preisträgerinnen und Preisträger lesen aus ihren Werken und stellen sich dem Gespräch mit dem Publikum.
Preisträger im chronologischen Überblick
Die Liste der Ausgezeichneten liest sich wie ein Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Von Ilse Aichinger, der ersten Preisträgerin, bis zu den jüngeren Ehrungen versammelt sie bedeutende Stimmen der Lyrik und Prosa.
1984 - Ilse Aichinger
Die österreichische Schriftstellerin (*1921) erhielt als erste den Kaschnitz-Preis. Ihr experimentelles Werk, darunter der Roman "Die grössere Hoffnung" und die "Spiegelgeschichte", prägt die deutschsprachige Literatur seit den 1940er Jahren.
1986 - Hanna Johansen
Die in Bremen geborene und in der Schweiz lebende Autorin (*1939) wurde für ihr erzählerisches Werk geehrt, das sich durch genaue Beobachtung und sprachliche Klarheit auszeichnet.
1988 - Fritz Rudolf Fries
Der in Bilbao geborene und in der DDR aufgewachsene Schriftsteller (*1935) erhielt den Preis für sein vielschichtiges Erzählwerk.
1990 - Paul Nizon
Der Schweizer Autor (*1929) wurde für seine Prosa ausgezeichnet, in der er das Thema der Fremdheit und des Exils auf eindringliche Weise gestaltet.
1992 - Gerhard Roth
Der österreichische Schriftsteller (*1942) erhielt den Preis für sein umfangreiches erzählerisches Werk, insbesondere seinen "Zyklus zur Erforschung Österreichs".
1994 - Ruth Klüger
Die in Wien geborene Literaturwissenschaftlerin und Autorin (*1931) wurde insbesondere für ihre autobiografische Schrift "weiter leben" (1992) geehrt, in der sie ihre Kindheit in Konzentrationslagern reflektiert.
1996 - Erica Pedretti
Die in Mähren geborene und in der Schweiz lebende Autorin (*1930) erhielt die Auszeichnung für ihr literarisches und bildnerisches Gesamtwerk.
1998 - Arnold Stadler
Der Büchner-Preisträger von 1999 (*1954) wurde für seine Romane und Erzählungen geehrt, die sich durch sprachliche Virtuosität und melancholischen Grundton auszeichnen.
2000 - Wulf Kirsten
Der Lyriker und Prosaautor (*1934) erhielt den Preis für sein dichterisches Werk, das in der Tradition der Naturlyrik steht und die thüringische Heimat literarisch erschliesst.
2002 - Robert Menasse
Der österreichische Essayist und Romancier (*1954) wurde für sein vielgestaltiges Werk geehrt, das Romane, Essays und Polemiken umfasst.
2004 - Julia Franck
Die Berliner Autorin (*1970) erhielt den Preis noch vor ihrem grossen Erfolg mit "Die Mittagsfrau" (2007) für ihre bisherigen Romane und Erzählungen.
2006 - Pascal Mercier
Unter diesem Pseudonym schreibt der Philosoph Peter Bieri (*1944). Der Preis würdigte insbesondere seinen Erfolgsroman "Nachtzug nach Lissabon" (2004).
2008 - Sibylle Lewitscharoff
Die spätere Büchner-Preisträgerin (*1954) erhielt die Auszeichnung für ihr erzählerisches Werk, das Phantastik und Realismus auf eigenwillige Weise verbindet.
2010 - Mirko Bonne
Der Hamburger Lyriker und Romancier (*1965) wurde für sein dichterisches Gesamtwerk geehrt.
Alphabetische Übersicht
- Aichinger, Ilse - 1984
- Bonne, Mirko - 2010
- Franck, Julia - 2004
- Fries, Fritz Rudolf - 1988
- Johansen, Hanna - 1986
- Kirsten, Wulf - 2000
- Klüger, Ruth - 1994
- Lewitscharoff, Sibylle - 2008
- Menasse, Robert - 2002
- Mercier, Pascal (Peter Bieri) - 2006
- Nizon, Paul - 1990
- Pedretti, Erica - 1996
- Roth, Gerhard - 1992
- Stadler, Arnold - 1998