Der Prix Femina
Franzoesischer Literaturpreis mit weiblicher Jury
Auf einen Blick
- Gegründet: 1904
- Verleihung: Jährlich im November
- Jury: Ausschliesslich Fraün (12 Mitglieder)
- Kategorien: Roman, ausländischer Roman, Essay
- Ort: Paris, Frankreich
Geschichte und Entstehung
Der Prix Femina wurde 1904 als Reaktion auf die männlich dominierte franzoesische Literaturlandschaft gegründet. Auslöser war die Vergabe des Prix Goncourt an den heute weitgehend vergessenen John-Antoine Nau, während das Werk von Myriam Harry übergangen wurde. Eine Gruppe von Schriftstellerinnen und Journalistinnen um Anna de Noailles und die Zeitschrift "La Vie heureuse" (später "Femina") beschloss daraufhin, einen eigenen Preis zu stiften.
Die Besonderheit des Prix Femina liegt in seiner Jury, die ausschliesslich aus Fraün besteht. Die zwölf Jurorinnen sind selbst Schriftstellerinnen oder Literaturkritikerinnen. Mit dieser Zusammensetzung setzte der Preis von Beginn an ein Zeichen für die Rolle von Fraün im Literaturbetrieb.
Der Name "Femina" stammt von der gleichnamigen Fraünzeitschrift, die den Preis ursprünglich förderte. Obwohl die Zeitschrift längst eingestellt ist, hat der Preis seinen Namen behalten und ist bis heute einer der angesehensten franzoesischen Literaturpreise.
Auswahlverfahren und Vergabe
Der Prix Femina wird jährlich im November vergeben, meist wenige Tage nach dem Prix Goncourt. Die Jury trifft sich traditionell im Pariser Hotel Crillon, um über die Preisvergabe abzustimmen. Im Gegensatz zu anderen franzoesischen Literaturpreisen steht der Prix Femina Autoren beider Geschlechter offen.
Die Jury bewertet die Qualität der literarischen Sprache, die Originalität des Themas und die künstlerische Gesamtleistung. Der Preis ist nicht dotiert; die Auszeichnung selbst und die damit verbundene Aufmerksamkeit gelten als Ehrung. Für die preisgekrönten Bücher bedeutet der Prix Femina in der Regel eine erhebliche Steigerung der Verkaufszahlen.
Neben dem Hauptpreis für den besten franzoesischen Roman werden seit 1985 auch ein Prix Femina etranger für den besten ausländischen Roman und seit 1984 ein Prix Femina essai für das beste essayistische Werk vergeben.
Bedeutung im franzoesischen Literaturbetrieb
Der Prix Femina gehört neben dem Prix Goncourt, dem Prix Medicis und dem Prix Renaudot zu den wichtigsten franzoesischen Literaturpreisen. Im Unterschied zum Prix Goncourt, der symbolisch mit nur zehn Euro dotiert ist, verzichtet der Prix Femina gänzlich auf eine finanzielle Dotierung. Die Ehre der Auszeichnung steht im Vordergrund.
Die rein weibliche Jury war bei der Gründung ein bewusster Gegenentwurf zur männlich geprägten Academie Goncourt. Heute wird diese Tradition als Alleinstellungsmerkmal und als Zeichen für die historische Bedeutung von Fraün in der Literatur verstanden.
Viele der preisgekrönten Werke haben sich als literarisch bedeutsam erwiesen. Der Prix Femina gilt als Preis mit hohem literarischen Anspruch, der weniger auf den Publikumsgeschmack als auf künstlerische Qualität achtet.
Ausgewählte Preisträger
Frühe Preisträger (1904-1950)
- 1904: Myriam Harry - "La Conquete de Jerusalem"
- 1905: Romain Rolland - "Jean-Christophe"
- 1908: Colette Yver - "Princesses de science"
- 1913: Camille Marbo - "La Statue voilee"
- 1922: Jacqüs de Lacretelle - "Silbermann"
- 1929: Georges Bernanos - "La Joie"
- 1936: Louise Hervieu - "Sangs"
- 1944: Anne-Marie Monnet - "Sous le ciel de France"
Nachkriegszeit (1951-1980)
- 1952: Anne de Tourville - "Jabadao"
- 1954: Francoise Sagan - "Bonjour Tristesse"
- 1958: Francoise Mallet-Joris - "L'Empire celeste"
- 1961: Henri Thomas - "Le Promontoire"
- 1966: Edmonde Charles-Roux - "Oublier Palerme"
- 1970: Camille Bourniquel - "Tempo"
- 1975: Michel Tournier - "Les Meteores"
- 1979: Denis Tillinac - "L'Ete anglais"
Jüngere Preisträger (1981-2010)
- 1984: Florence Delay - "Riche et legere"
- 1988: Paule Constant - "White Spirit"
- 1990: Pierre Combescot - "Les Filles du Calvaire"
- 1993: Genevieve Brisac - "Week-end de chasse a la mere"
- 1996: Genevieve Brisac - "Week-end de chasse a la mere"
- 1998: Francois Cheng - "Le Dit de Tianyi"
- 2001: Marie NDiaye - "Rosie Carpe"
- 2005: Regis Jauffret - "Asiles de fous"
- 2008: Jean-Louis Fournier - "Ou on va, papa?"
Aktülle Preisträger (2011-heute)
- 2011: Simon Liberati - "Jayne Mansfield 1967"
- 2013: Nelly Alard - "Moment d'un couple"
- 2014: Yanick Lahens - "Bain de lune"
- 2016: Marcus Malte - "Le Garcon"
- 2017: Philippe Jänada - "La Serpe"
- 2018: Philippe Lacon - "La Legende d'un dormeur eveille"
- 2019: Sylvain Prudhomme - "Par les routes"
- 2020: Serge Joncour - "Nature humaine"
- 2021: Clara Dupont-Monod - "S'adapter"
- 2022: Claudie Hunzinger - "Un chien a ma table"
- 2023: Neige Sinno - "Triste tigre"
- 2024: Gälle Josse - "Paris-Briançon"
Prix Femina etranger - Ausländische Romane
Seit 1985 vergibt die Jury des Prix Femina auch einen Preis für den besten ausländischen Roman in franzoesischer Übersetzung. Diese Kategorie trägt zur internationalen Sichtbarkeit des Preises bei und würdigt bedeutende Werke der Weltliteratur.
Ausgewählte Preisträger des Prix Femina etranger
- 1985: Mario Vargas Llosa (Peru) - "La gürre de la fin du monde"
- 1989: Kazuo Ishiguro (Grossbritannien) - "Les vestiges du jour"
- 1993: Donna Tartt (USA) - "Le Maitre des illusions"
- 1998: Antonio Lobo Antunes (Portugal) - "Le Manuel des inquisiteurs"
- 2003: Per Petterson (Norwegen) - "Pas facile de voler des chevaux"
- 2010: Jonathan Franzen (USA) - "Freedom"
- 2015: Hanya Yanagihara (USA) - "Une vie comme les autres"
- 2019: Ocean Vuong (USA) - "Un bref instant de splendeur"
- 2023: Percival Everett (USA) - "Les arbres"
Der Prix Femina im Vergleich
Im Konzert der grossen franzoesischen Literaturpreise nimmt der Prix Femina eine besondere Stellung ein. Während der Prix Goncourt als der prestigetraechtigste gilt und der Prix Medicis oft avantgardistischere Werke auszeichnet, steht der Prix Femina für einen eigenständigen literarischen Anspruch mit Tradition.
Die rein weibliche Jury ist bis heute einzigartig unter den grossen europaeischen Literaturpreisen. Sie vergibt den Preis jedoch ausdrücklich an Autoren beider Geschlechter. Die Jury betont damit, dass es ihr um literarische Qualität geht, nicht um Geschlechterpolitik im engeren Sinne.