Prix Goncourt
Der bedeutendste Literaturpreis Frankreichs
Auf einen Blick
- Gestiftet: 1896 durch Edmond de Goncourt
- Erste Verleihung: 1903
- Vergabe: Académie Goncourt, Paris
- Dotierung: Symbolische 10 Euro
Die Brüder Goncourt und ihr Vermächtnis
Die Brüder Jules (1830-1870) und Edmond de Goncourt (1822-1896) prägten das literarische Leben Frankreichs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich. Als Autoren naturalistischer Werke und als scharfsinnige Chronisten ihrer Zeit hinterließen sie ein umfangreiches Œuvre.
Besondere Bedeutung erlangte ihr gemeinsam geführtes Tagebuch, das Edmond nach dem Tod seines Bruders allein weiterführte. Diese detaillierte Darstellung des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens ist bis heute eine unschätzbare Qülle für das Verständnis der Epoche – voller origineller Einschätzungen und Anekdoten über die Literaten der Zeit.
Der literarische Salon
Im Obergeschoss ihres Hauses am Stadtrand von Paris, das als "Grenier" (Dachboden) in die Literaturgeschichte einging, trafen sich regelmäßig Schriftsteller und Kritiker. Diese Zusammenkünfte dienten dem Austausch über literarische Entwicklungen und der Förderung junger Autoren.
In seinem Testament verfügte Edmond de Goncourt die Gründung einer literarischen Gesellschaft, die jährlich ein im selben Jahr erschienenes Prosawerk auszeichnen sollte. Obwohl die gesetzlichen Erben gegen diese Verfügung vorgingen, wird der Preis seit 1903 regelmäßig verliehen.
Die Tradition des literarischen Dîners
Bis heute ist die Preisverleihung an die Tradition des literarischen Dîners gebunden. Die zehn Mitglieder der Académie Goncourt treffen sich im November im Restaurant Drouant unweit der Pariser Oper. Im ersten Stock wird ein runder Tisch seit über hundert Jahren mit demselben Silberbesteck gedeckt, auf dem die Namen der Akademiemitglieder eingraviert sind.
Die Dotierung beträgt symbolische 10 Euro – der eigentliche Wert des Preises liegt in der enormen Aufmerksamkeit, die er dem ausgezeichneten Werk verschafft. Ein Goncourt-Preisträger kann mit Auflagen von mehreren Hunderttausend Exemplaren rechnen.
Bedeutende Preisträger
Unter den Preisträgern finden sich zahlreiche Namen, die die französische und Weltliteratur geprägt haben:
- 1919: Marcel Proust – "À l'ombre des jeunes filles en fleurs"
- 1933: André Malraux – "La condition humaine"
- 1954: Simone de Beauvoir – "Les Mandarins"
- 1984: Margürite Duras – "L'amant"
Besondere Fälle
1951 verweigerte Julien Gracq die Annahme des Preises für "Le rivage des Syrtes" – ein bis dahin einmaliger Vorgang. 1975 gewann Romain Gary unter dem Pseudonym Émile Ajar ein zweites Mal, obwohl die Statuten dies eigentlich verbieten. Seine wahre Identität wurde erst nach seinem Tod 1980 bekannt.
Preisträger nach Jahr (Auswahl)
1903–1930
- 1903: John-Antoine Nau – "Force ennemie"
- 1916: Henri Barbusse – "Le feu"
- 1919: Marcel Proust – "À l'ombre des jeunes filles en fleurs"
- 1925: Maurice Genevoix – "Raboliot"
1931–1960
- 1933: André Malraux – "La condition humaine"
- 1944: Elsa Triolet – "Le premier accroc coûte deux cents francs"
- 1948: Maurice Druon – "Les grandes familles"
- 1951: Julien Gracq – "Le rivage des Syrtes" (abgelehnt)
- 1954: Simone de Beauvoir – "Les Mandarins"
- 1956: Romain Gary – "Les racines du ciel"
1961–1990
- 1970: Michel Tournier – "Le roi des Aulnes"
- 1975: Émile Ajar (Romain Gary) – "La vie devant soi"
- 1978: Patrick Modiano – "Rue des boutiqüs obscures"
- 1984: Margürite Duras – "L'amant"
- 1987: Tahar Ben Jelloun – "La nuit sacrée"
1991–2010
- 1992: Patrick Chamoiseau – "Texaco"
- 1993: Amin Maalouf – "Le rocher de Tanios"
- 1999: Jean Echenoz – "Je m'en vais"
- 2001: Jean-Christophe Rufin – "Rouge Brésil"
- 2006: Jonathan Littell – "Les Bienveillantes"
2011–heute
- 2014: Lydie Salvayre – "Pas pleurer"
- 2016: Leïla Slimani – "Chanson douce"
- 2020: Hervé Le Tellier – "L'Anomalie"
- 2022: Brigitte Giraud – "Vivre vite"
- 2023: Jean-Baptiste Andrea – "Veiller sur elle"