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Rezensionen

Mende Nazer: Sklavin

Gefangen - geflohen - verfolgt: Schicksal einer Sklavin im 21. Jahrhundert

Rezension von Anna Marei Horst und Ann-Kathrin Scheürmann

Bibliographische Angaben

  • Autorin: Mende Nazer (mit Damien Lewis)
  • Titel: Sklavin. Autobiographie
  • Übersetzung: Karin Dufner
  • Verlag: Drömer Knaur, München 2004
  • Umfang: 362 Seiten
  • ISBN: 3-426-62541-5

"Mir ist klar geworden, dass Freiheit für die Menschen im Westen etwas ist, das sie zumeist als selbstverständlich nehmen. Die Freiheit war schon immer für sie da. Sie ist ihre unbemerkte, unerkannte und ständige Begleiterin und Freundin. Doch für uns, die wir aus Ländern wie dem Sudan kommen, ist die Freiheit wundervoll und kostbar. Und für ehemalige Sklavinnen wie mich bleibt sie ein unbeschreiblich schönes und einzigartiges Geschenk."

Die Geschichte

Bei dem Buch "Sklavin" von Mende Nazer handelt es sich um eine Autobiographie. Aufgewachsen in den Nuba-Bergen des Sudan führte die Autorin ein erfülltes Leben als Tochter eines Rinderzüchters. Diese glückliche Zeit nimmt ein plötzliches Ende, als arabische Militärmilizen ihren Stamm überfallen, das Dorf niederbrennen und die überlebenden Kinder entführen.

Von Sklavenhändlern wird sie schließlich an eine wohlhabende arabische Familie verkauft, wo sie von nun an ein menschenunwürdiges Leben führt. Dort wird sie gezwungen, alle anfallenden Arbeiten zu verrichten, wird psychisch gequält und körperlich misshandelt. Ihre Besitzer nennen die Autorin nicht einmal bei ihrem richtigen Namen Mende, sondern rufen sie "Yebit", was so viel bedeutet wie "Mädchen, das es nicht wert ist, einen Namen zu tragen". Im Laufe der Zeit fügt sich die Protagonistin immer mehr in ihr Schicksal und leidet - von Selbstmordgedanken verfolgt - still vor sich hin.

Flucht in die Freiheit

Sie wird sogar an die Schwester ihrer Herrin verliehen, um in London zu dienen. Deren Mann arbeitet an der Botschaft, weiß, dass Sklaverei in der westlichen Welt gesetzlich verboten ist und hat trotzdem keinerlei Skrupel, gegen die Menschenrechte zu verstoßen.

Mit Hilfe einer befreundeten Familie und anderen bekannten Nuba gelingt Mende schließlich die Flucht, während ihre Herrin und deren Mann in Urlaub sind. Allerdings bedeutet die Flucht aus der Sklaverei nicht zugleich ein Ankommen in der Freiheit. Ein schwieriger Kampf um die Staatsbürgerschaft und gegen die Abschiebung, die ihren Tod bedeuten würde, steht Mende Nazer bevor.

Vergleich mit "Wüstenblume"

Ein Vergleich drängt sich auf: Ebenso wie Waris Diries Bestseller "Wüstenblume" befasst sich Mende Nazers gleichlange Biographie sehr authentisch mit Problemen in Afrika, wie zum Beispiel mit ritüller Genitalverstümmelung und Polygamie. Im Gegensatz zu Waris Dirie, die dem Thema Beschneidung fast ihr gesamtes Werk gewidmet hat, geht Mende Nazer nur am Rande darauf ein. Dafür beschreibt sie ihr Schicksal, als Sklavin missbraucht worden zu sein, intensiv und anschaulich.

Die beiden Autorinnen teilen sowohl ihre schönsten als auch grausamsten Erfahrungen auf eine sehr persönliche Art und Weise mit dem Leser. Mende Nazer kann, als "kleine Schwester" Diries, die Botschafterrolle der beiden überzeugend weiterführen und gleichzeitig auch auf deutliche Missstände der westlichen Kultur aufmerksam machen.

Fazit

Das Buch "Sklavin" ist auf jeden Fall lesenswert. Mende Nazer gibt einen tiefen Einblick in ihre Gefühle und ermöglicht auf diese Weise, dass der Leser sich in ihre Lage versetzen kann. Die Autobiographie beschreibt die Umstände so eindringlich, dass wir es fast nicht glauben können. Fragen wie "Warum tun die westlichen Mächte nichts?", "Wie kommt es, dass mitten in England eine Sklavin gehalten werden kann?" und "Wie geht es mit den dort lebenden Sklavinnen weiter?" beschäftigten uns tagelang.

"Sklavin" ist schockierend, aber dennoch lesenswert, denn nur durch das Bekanntwerden von Problemen können diese behoben werden. Wer sich für Afrika und Frauenschicksale interessiert, sollte "Sklavin" unbedingt lesen.

Rezension: Anna Marei Horst, Ann-Kathrin Scheürmann (Rezensionsprojekt Winnweiler 2005)