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Wiener Moderne

Aesthetizismus, Impressionismus und die Entdeckung der Psyche (ca. 1890-1910)

Zuletzt aktualisiert: 18.11.2023

Elegantes Wiener Kaffeehaus um 1900
Das Wiener Kaffeehaus: Treffpunkt der Moderne

Zeitraum und historischer Kontext

Die Wiener Moderne umfasst etwa den Zeitraum von 1890 bis 1910, wobei ihre Ausstrahlung bis zum Ersten Weltkrieg und darüber hinaus reichte. Sie ist Teil der breiteren Strömung der Jahrhundertwende, hat aber ein eigenes Profil, das durch den spezifischen Kontext der Donaumonarchie geprägt ist.

Wien war um 1900 eine der bedeutendsten Kulturmetropolen Europas. Die Hauptstadt des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn vereinte unterschiedlichste Einflüsse und brachte eine einzigartige kulturelle Blüte hervor. Neben der Literatur erlebten Musik (Mahler, Schönberg), bildende Kunst (Klimt, Schiele), Architektur (Otto Wagner, Adolf Loos) und Wissenschaft (Freud) eine Blütezeit.

Zugleich war die Zeit von tiefer Verunsicherung geprägt. Die Habsburgermonarchie zeigte Zeichen des Zerfalls, nationale Konflikte nahmen zu, und das liberale Bürgertum, Träger der Wiener Kultur, sah sich von neün politischen Kraften bedroht. Diese Spannung zwischen Glanz und Verfall, zwischen Aesthetentum und Lebensangst prägt die Literatur der Wiener Moderne.

Merkmale und Stilmittel

Die Wiener Moderne zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus:

Impressionismus: Die flüchtige Stimmung, der Augenblick, der Eindruck stehen im Zentrum. Die äußere Welt wird durch das Bewusstsein des Wahrnehmenden gefiltert. Nuancen und Halbtöne werden wichtiger als klare Konturen.

Aesthetizismus: Die Kunst wird zum höchsten Wert erhoben. Das "L'art pour l'art" - die Kunst um der Kunst willen - wird zum Programm. Der Aesthet lebt für die Schönheit und verachtet das Nützliche und Alltägliche.

Psychologisierung: Die Innenwelt der Figuren rückt ins Zentrum. Die Entdeckungen Sigmund Freuds - das Unbewusste, die Triebe, die verdrängte Sexualität - beeinflussen die literarische Darstellung. Der innere Monolog wird zum wichtigen Stilmittel.

Psychoanalyse und Literatur
Freud und die Psyche: Die Wiener Moderne entdeckt das Unbewusste

Sprachskepsis: Hugo von Hofmannsthals "Brief des Lord Chandos" (1902) formuliert die Krise der Sprache: Die Wörter zerfallen, die Fähigkeit zur Mitteilung schwindet. Diese Sprachskepsis ist ein zentrales Thema der Wiener Moderne.

Dekadenzmotive: Verfall, Müdigkeit, Ueberfeinerung und Lebensunfähigkeit sind wiederkehrende Themen. Die Figuren sind oft passive Aestheten, die am Leben scheitern.

Erotik und Tod: Die Verbindung von Eros und Thanatos durchzieht viele Werke. Die Liebe ist von Todesnähe umgeben, und der Tod erscheint oft als Verloeckung.

Wichtige Vertreter

Arthur Schnitzler (1862-1931) war Arzt und Schriftsteller. Seine Dramen und Erzählungen erkunden die Psychologie seiner Zeitgenossen, insbesondere die Rolle von Sexualität und Selbsttäuschung. Der "Reigen" (1900), ein Zyklus von Dialogen vor und nach dem Liebesakt, wurde wegen seiner Offenheit zum Skandal. "Leutnant Gustl" (1900) ist ein Meisterwerk des inneren Monologs.

Wiener Gesellschaft um 1900
Schnitzlers Wien: Gesellschaftsleben und verborgene Leidenschaften

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) war ein Wunderkind der Literatur, das bereits als Gymnasiast Gedichte von vollendeter Schönheit schrieb. Nach seiner "Sprachkrise" wandte er sich dem Drama und dem Libretto zu. Seine Zusammenarbeit mit Richard Strauss ("Der Rosenkavalier", "Ariadne auf Naxos") brachte bedeutende Opern hervor.

Karl Kraus (1874-1936) war Satiriker, Sprachkritiker und Herausgeber der Zeitschrift "Die Fackel", die er fast drei Jahrzehnte lang grösstenteils allein schrieb. Seine Sprachkritik zielte auf die Phrasen und Lügen seiner Zeit. Sein monumentales Drama "Die letzten Tage der Menschheit" ist eine Anklage gegen den Ersten Weltkrieg.

Peter Altenberg (1859-1919) war der Bohemien der Wiener Moderne. Seine kurzen Prosaskizzen fangen Augenblicke und Stimmungen ein. Er lebte ohne festen Wohnsitz in Kaffeehäusern und verkörperte den Typus des Wiener Literaten.

Hermann Bahr (1863-1934) war Kritiker und Organisator der Wiener Moderne. Er prägte Begriffe und Programme, förderte junge Autoren und vermittelte zwischen Wien und den europaeischen Strömungen.

Weitere wichtige Autoren sind Richard Beer-Hofmann, Leopold von Andrian und Felix Salten (der später "Bambi" schreiben sollte).

Bedeutende Werke

"Anatol" (1893) von Arthur Schnitzler ist ein Zyklus von Einaktern über einen Wiener Lebemann und seine Liebesaffären. Das Werk zeigt die Selbsttäuschungen und die Flucht vor dem Ernst des Lebens.

"Leutnant Gustl" (1900) von Arthur Schnitzler ist die erste konsequent im inneren Monolog erzählte Novelle der deutschen Literatur. Sie zeigt eine Nacht im Bewusstsein eines Offiziers, der sich zum Selbstmord gezwungen sieht.

"Reigen" (1900) von Arthur Schnitzler zeigt zehn Liebesszenen, die durch wechselnde Partner zu einem Kreis verbunden sind. Das Werk wurde wegen seiner Offenheit in sexüllen Dingen angefeindet und erst 1920 uraufgeführt.

"Der Brief des Lord Chandos" (1902) von Hugo von Hofmannsthal ist ein fiktiver Brief, in dem ein elisabethanischer Adliger seine Sprachkrise beschreibt. Der Text wurde zum Schlüsseldokument der literarischen Moderne.

"Der Tor und der Tod" (1893) von Hugo von Hofmannsthal ist ein lyrisches Drama über einen Aestheten, der erst angesichts des Todes erkennt, dass er nicht gelebt hat. Das Werk ist ein Höhepunkt des frühen Hofmannsthal.

"Die letzten Tage der Menschheit" (1922) von Karl Kraus ist ein dramatisches Monstrum von über 200 Szenen, das den Ersten Weltkrieg als Katastrophe der Sprache und der Menschlichkeit darstellt.

Einfluss und Nachwirkung

Die Wiener Moderne hat die europaeische Literatur und Kultur nachhaltig beeinflusst. Die Techniken der Psychologisierung und des inneren Monologs wurden von späteren Autoren aufgegriffen und weiterentwickelt. James Joyce, Virginia Woolf und andere Meister des Bewusstseinsstroms stehen in einer Linie, die in Wien beginnt.

Die Verbindung von Literatur und Psychoanalyse, die in Wien entstand, prägte das 20. Jahrhundert. Schnitzlers Werke wurden von Freud bewundert; der Psychoanalytiker sah im Dichter einen Seelenverwandten. Diese Verbindung wirkt bis heute nach.

Das Wiener Kaffeehaus als Ort der literarischen Geselligkeit wurde zum Mythos. Die Vorstellung vom Literaten, der in eleganter Müssigkeit seine Zeit verbringt, hat hier ihren Ursprung.

Die Sprachkritik der Wiener Moderne, insbesondere bei Karl Kraus, beeinflusste die analytische Philosophie Wittgensteins und die sprachkritische Tradition des 20. Jahrhunderts. Die Einsicht, dass Sprache nicht einfach Wirklichkeit abbildet, sondern sie formt und verzerrt, wurde zum Gemeingut.

Der Untergang der Habsburgermonarchie 1918 machte die Wiener Moderne zur Literatur einer versunkenen Welt. Autoren wie Joseph Roth und Stefan Zweig blickten in der Zwischenkriegszeit elegisch auf diese Epoche zurück. Die Nostalgie nach dem Wien der Jahrhundertwende ist bis heute lebendig.